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Zwei Geschichten sind es, die mich zurzeit besch?ftigten. Die k?rzere zuerst: P. und ich haben neulich abends festgestellt, dass wir am selben Tag Grapefruits f?r 1 Euro und 11 Cent gekauft haben, und zwar beide jeweils ein Kilo der Marke Dittmeyer, bei Penny, ungef?hr gegen f?nf Uhr nachmittags, nur P. in der Altstadt von Mainz und ich in Berlin-Kreuzberg.
Es darf doch m?glicherweise sonderbar anmuten, dass zwei Personen mit v?llig unterschiedlichem Lebensstil und verschiedenen Essgewohnheiten, die 600 Kilometer entfernt voneinander wohnen, nicht nur zur selben Zeit exakt die selbe Komsum-T?tigkeit aus?ben, sondern vor allen Dingen im nachhinein ?ber diese Gleichzeitigkeit sich in Kenntnis setzen. Dennoch erschien mir die Geschichte an sich zugleich als Inbegriff der Allt?glichkeit. Oder wie sehen Sie das?

Die zweite Geschichte hat sich etwa eine halbe Stunde vor dem synchronen Einkauf, in meinem Hinterhof abgespielt. Sie bedarf einer kurzen R?ckblende, um ?berhaupt als Geschichte erz?hlt werden zu k?nnen.

Vergangenen Sommer war ich f?r drei Wochen zur Kur an der Ostsee, in einer Klinik, die nur dadurch ?berleben kann, dass sie au?er Heilma?nahmen auch so genannte touristische Gesundheitsprogramme anbietet. Am letzten Wochenende dort gesellten sich drei neue G?ste an meinen Platz im Speisesaal. Sie kannten sich offensichtlich gut und ich wunderte mich ?ber die eigenartige Kombination der Urlauber: eine Frau Mitte vierzig und ein wesentliches ?lteres Paar, so um die siebzig. Nach dem ersten gemeinsamen Abendessen am Freitag, an dem wir lediglich das ?bliche Frage-Antwort-Spiel zwischen Neuank?mmlingen und Eingeweihten spielten - wie weit ist es zum Strand, gibt es abends kein warmes Essen, ist in der gesamten Klinik Rauchverbot usw. - traf ich zum Fr?hst?ck am folgenden Morgen nur das Paar an. Die mitgereiste Frau, wie sich nach einem Plausch herausstellte die Tochter des Paars, hatte sich schon auf dem Weg zum Strand gemacht. Auch zum Mittagessen war ich allein mit den Eheleuten, und die Unterhaltung, die mir inzwischen recht l?stig geworden war, nahm den typischen Verlauf einer Unterhaltung von Kurg?sten, die sich notgedrungen am zweiten Tag der gemeinsamen Essensaufnahme etwas n?her kennen lernen. So erfuhr ich, dass die Tochter wie ich aus Berlin komme, die Eltern hingegen irgendwo bei Bremen wohnten, ich erfuhr auch den Namen des Dorfes, den ich mir aber nicht behalten habe, sowie gesch?tzte Einwohnerzahl, Entfernung zur Nordsee usw., all das, was man nie voneinander wissen w?rde und wissen wollte, wenn man nicht zuf?llig hier in der Kurklinik zusammen bei Tisch s??e.

Die alten Eheleute offenbarten dann aber doch noch Unerwartetes. Erstens waren es keine gew?hnlichen Urlauber, sondern die Tochter hatte den Aufenthalt in der Klinik bei einem Preisausschreiben gewonnen. Seltsames Preisausschreiben denke ich, merkw?rdiger Gewinn: diese Kurklinik hat meiner Ansicht nach nichts an sich, was gesunde Menschen als Preis und nicht als Strafe erhalten k?nnten. Zweitens, und da waren wir schon am Nachtisch angelangt, die Tochter kommt nicht nur aus Berlin, wie ungef?hr ein Drittel aller anderen G?ste hier, sondern aus Kreuzberg - ich auch -, und da die Eltern bei Ortsbeschreibungen gern ins Detail gingen, stellte sich heraus, dass sie auch in der selben Stra?e wohnt wie ich, doch dabei bleibt es nicht: Sie wohnt gar im selben Haus, in der Wohnung schr?g unter mir. Wir versicherten uns alle drei einige Male, das k?nne es doch gar nicht geben, so ein Zufall, und die Mutter war ganz aus dem H?uschen ?ber diese Neuigkeit, die sie sofort ihrer Tochter erz?hlen wollte.

Da ich die Anonymit?t eines gro?en Mietshauses in einer gro?en Stadt sehr sch?tze, war mir gar nicht so wohl bei der ganzen Sache, und nicht ganz zuf?llig kam ich als letzte zum Abendessen, rettete nur noch einige verwelkte Bl?tter vom Salatbuffet vor dem Tod durch Ertrinken in Essig, doch daf?r speiste ich ohne die Gesellschaft der drei Preisausschreiben-Gewinner. Aber andererseits, oft waren es gerade Zuf?lligkeiten, die Entscheidendes in meinem Leben bewirkten, und deshalb wollte ich auch diesem Zufall des Zusammentreffens eine Chance lassen. So fand ich mich zum Fr?hst?ck an meinem vorletzten Tag in der Klinik einigerma?en p?nktlich ein. Zu meiner Beruhigung war meine Nachbarin nicht gar so euphorisch wie ihre Mutter, wir redeten ganz sachlich ?ber unsere Vermieter, die unzureichenden Fahrradabstellpl?tze im Hof, die guten Einkaufsm?glichkeiten im Kiez, und schlie?lich verblieben wir ganz unverbindlich dabei, dass Frau Schmidt ja einfach mal bei mir klingeln k?nne oder ich bei ihr.

Soweit die R?ckblende. Drei Monate sp?ter schiebe ich mein Fahrrad durch den Hinterhof, um mich auf den Weg zu Penny zu machen, wo ich ein Kilo Grapefruits kaufen werde, und da kommt mir Frau Schmidt mit ihrem Fahrrad entgegen. Ich erkenne sie zuerst, und als ich noch ?berlege, wie ich nach einem fl?chtigen Hallo unentdeckt entkomme, entschuldigt sie sich f?r ihre Kurzsichtigkeit, und fragt, wie es mir denn gehe, und ich frage, wie es ihr gehe und wir bleiben eine Viertelstunde so stehen und reden. Sie ist eigentlich ganz nett, denke ich, das denke ich immer erstmal, wenn Menschen viel ?ber mich wissen m?chten, wobei es zugleich etwas unangenehm ist, v?llig fremden Menschen solche Details aus meinem Leben anzuvertrauen: Was ich denn so mache. Was ich arbeite oder ob ich noch studiere. Aha, Forschungsaufenthalt in Spanien soll es sein n?chstes Jahr, ja das h?tten wir doch alle gern, in der Sonne zu arbeiten. Und was ich denn bis dahin mache - so, die meiste Zeit zuhause am Schreibtisch? Sie habe aber mal geklingelt, da sei ich nicht dagewesen. Ah, Babysitten, da w?rd ich ja wenigstens mal rauskommen, haha. Manchmal erz?hle ich einfach zu viel von mir, denke ich, und frage, wo sie denn gerade herkomme. Sie komme von der Arbeit. So fr?h, frage ich. Ja, sie arbeite gleich um die Ecke, am Platz der Luftbr?cke. Jetzt will ich aber auch wissen, was. Oho, beim LKA. Soso. Ja, aber das sei weniger aufregend als es sich anh?re. Sie lenkt ab, ob ich denn von allen meinen Allergien geheilt sei und dar?ber kommen wir erst aufs Rauchen und dann auf Frau Schmidts Katze. Katze sei f?r mich schlimmer als Rauchen sage ich, und so habe ich ein Alibi, sie nicht zu besuchen. Aber sie k?nne gern mal bei mir vorbeikommen, f?ge ich hinzu in der Hoffnung, das Gespr?ch damit zu beenden, und das klappt. Ja, vielleicht klingelt sie nochmal bei mir, und alles Gute f?r die Gesundheit, tsch?ss, tsch?ss. Wie gut, dass ich in meiner anf?nglichen Plauderlaune nicht verraten habe, dass ich auf unangemeldetes Klingeln ?berhaupt nie reagiere, brauche weder Werbeprospekte noch Frau-Im-Spiegel-Abonnements noch einen Besuch der Zeuginnen Jehovas, einen Besuch der GEZ schon gar nicht, und wenn ich ein seltenes B?cherpaket von Amazon erwarte, dann schau ich aus dem Fenster, ob der DHL-Laster auf der Stra?e steht.

Dennoch, als Siegerin f?hle ich mich ganz und gar nicht nach dem Gespr?ch auf dem Hinterhof. Fand ich sie nicht gleich befremdend, beim ersten Abendessen in der Klinik? Die Sache mit dem Preisausschreiben kam mir auch von Anfang an merkw?rdig vor. Schlecht erfunden, das hatte ich damals gedacht. Weder dem angeblichen Vater noch der angeblichen Mutter sah Frau Schmidt auch nur ein bisschen ?hnlich. Und dann, dieser Zufall, ausgerechnet an meinem letzten Kur-Wochenende sitzt eine v?llig gesunde, wenn auch rauchende, Mittvierzigerin und Nachbarin von
mir direkt neben mir am Tisch. In einem Speisesaal mit 160 Sitzpl?tzen. Und warum haben wir uns in der Klinik nur kurz und oberfl?chlich unterhalten, aber jetzt im Hinterhof wollte sie so viel von mir wissen? Warum hat sie mir nicht mehr ?ber ihre Arbeit beim LKA erz?hlt? Wer, frage ich mich, wer ist Frau Schmidt wirklich? Und vor allem, was hat das alles mit einem Kilo Grapefruits f?r einen Euro und elf zu tun?

(Herbst 2003)
29.3.05 13:57
 


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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


irgendlink / Website (30.3.05 23:47)
Ziemlich unheimlich ist auch dieser Kasten, den SIE direkt neben deiner Haustür aufgehängt haben.
Ich habe mich bei dir zu Besuch stets beobachtet gefühlt.
Und ich war bestürzt, als du sagtest, du ertappst dich hin und wieder dabei, dich selbst zu überwachen ...
Die Hauptstadt ist ein heißes Pflaster.


freihaendig / Website (31.3.05 09:21)
pssst, nicht so viele details! DIE haben bestimmt u-boote hier auf myblig.de.

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