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Leben heute. Skizzen fiktiver Figuren.

I.

Eine in der nichtakademischen Öffentlichkeit unbekannte Sozialphilosophin schrieb in den 80er Jahren viel zum Recht auf Muße, zur Anerkennung der nichtbezahlten Arbeit und Wertschätzung von Tätigkeiten, die mit Leistung nichts zu tun haben. Sie finanzierte ihr Leben mit Lehraufträgen zu diesem Thema, als Dozentin ohne Festanstellung. Auf Mittelkürzungen ab Mitte der 90er reagierte die Universität mit Einsparungen von Lehraufträgen. Die in der Öffentlichkeit unbekannte Sozialphilosophin kam in Bedrängnis, finanziell gesehen. Zeitgleich eingetretene besondere private Umstände, - ich könnte auch sagen: ihre Mutter starb und es gab in der Familie niemanden außer ihr, der sich um den pflegebedürftigen Vater kümmern hätte können – also ihres dementen Vaters wegen zog die Sozialphilosophin, die sich bislang mit dem Recht auf Muße und der Anerkennung nichtbezahlter Arbeit und Wertschätzung von Tätigkeiten, die nichts mit Leistung zu tun haben, ihren Lebensunterhalt verdiente, in ihre Geburtststadt, in der es auch eine Universität gab, wenn auch eine kleine, in der Öffentlichkeit wenig beachtete Universität.
An der kleinen, in der Öffentlichkeit wenig beachteten Universität in der kleinen, von der inländischen wie ausländischen Öffentlichkeit wenig beachteten Stadt, belegte die Sozialphilosophin eine vom Arbeitsamt, wie es damals noch hieß, bezuschussten Aufbaustudiengang im Fach Gerontologie, der Wissenschaft vom Altern.

Noch bevor die Sozialphilosophin, die nun Gerontologie studierte, ihr Diplom erhielt, starb ihr Vater. Über die letzten Monate mit ihrem Vater wäre viel zu sagen, das wertvoller wäre als ein Diplom.

Was die Sozialphilosophin, die sich mit Schreiben und Reden über das Recht auf Muße, über die Anerkennung der nichtbezahlten Arbeit und Wertschätzung von Tätigkeiten, die mit Leistung nichts zu tun haben, heute macht?

Neben einer Teilzeitarbeit im Seniorenheim als gerontopsychologische Betreuerin schreibt sie regelmäßig für eine Fachzeitschrift und hält Seminare zu den Themen Demenz, Altern, Sterben. Eine 70-Stunden-Woche, unter der ihre Gesundheit un ihre Freundschaften leiden. Anders kann sie ihr Leben zurzeit nicht finanzieren.

II.

Ein Jungakademiker, finanzierte sich, bevor ihn seine Krankheit erwerbsunfähig machte, sein Leben abwechselnd mit Jobs im PR-Bereich und wissenschaftlicher Projektarbeit - nicht schlecht bezahlt, dafür aber ganz ohne Absicherung. Seit er krank ist, kann er nicht nur nicht mehr sein Leben selbst finanzieren, sondern auch mit seinem Körper keinen Sport mehr treiben. Er hat sich, passend zu seiner aktuellen Lebenssituation, eine neue Sportart gesucht: sparen. Er weiß die Preise von Margarine, H-Milch, Buttermilch, Joghurt, dem jeweils günstigsten Käse, Kaffee, Brot, Nudeln, Reis und Thunfisch in der Dose in den fünf nächst gelegenen Supermärkten auswendig, er löst nicht abgestempelte Briefmarken von der Infopost, die er in seinem Briefkasten findet und an der ihn außer den Briefmarken nichts interessiert, er setzt sich im Winter in die Bibliothek, um zuhause weniger Heizöl zu verbrauchen und manchmal, wenn er sich besser fühlt, geht er auf Tagungen, die von Stiftungen organisiert werden, daher keinen Eintritt kosten - dafür gibt es Essen und Trinken gratis.

Heute freut er sich über 120 „free-credits“, über die ihn ein E-Mail informiert. Für neun „free-credits“ kann er eine SMS verschicken. Die free-credits bekommt er dadurch, dass er auf einer Website kostenlos unterschiedlichste Kataloge bestellt – „XXL für starke Kids“ - der Spezialkatalog für übergewichtige Kinder, Küchenmöbel, Damenwäsche, „Alles was Ihr Baby braucht“. Der erwerbslose Jungakademiker hat eine Flatrate. Die free-Credits kostet ihn außer Zeit und einer höheren zum-Altpapiercontainer-Gang-Rate tatsächlich nichts. Manchen Katalog auf Hochglanz-Paper wirft er nicht gleich weg. Sein aktueller Lieblingskatalog ist der von „Zoo Zajac“ – alles für Tierfreunde, von der Zeckenzange bis zum Aquarium und wieder zurück. Da kann man so schönes Geschenkpapier daraus basteln.
Jetzt antwortet er erstmal auf die Geburtstagseinladung seiner Nichte. Per SMS.

(Vor ziemlich genau sechs Jahren geschrieben.)
13.4.12 15:05




So viel Ignoranz ist tödlich

Heute mal ein Link nach England, wo Sozial- und Gesundheitspolitik immer verächtlicher gegenüber Kranken wird....

Artikel im Guardian

Bloß: In Deutschland ist die Tendenz die gleiche. Und mit "chronischer Erschöpfung" können sich wahrscheinlich gerade viele sehr engagierte Menschen im Gesundheitsbereich so gut identifizieren, dass, sofern sie nicht aus einer wirklich sie berührenden Quelle mit dem "chronischen Erschöpfungssyndrom" als Krankheit konfrontiert wurden, Patienten mit diesem Leiden nur ein im wahrsten Sinne des Wortes müdes Lächeln entgegenbringen.
1.4.12 11:40


Die Geschichte vom UFO, Teil 2

(Text roh hierher kopiert.)

Zu schreiben über das Filzding stellt die Frage, wieviel ich von mir preisgeben möchte. (Besser als zu viel überlegen ist schreiben und dann einfach nicht alles veröffentlichen.) Starker Drang, zum Filzen wikipedia zu befragen. Wetten, dass wiki auf Beuys verweist? Hatte aber in Is Auto auf dem Weg in die Landeshauptstadt kein Internet und jetzt im Zug nach dickes B auch nicht.

Meine Mutter filzte im letzen Jahr für die gesamte Verwandschaft und Bekanntschaft Hausschuhe. Mein Liebster und ich sollten deshalb für unseren mehrtägigen Besuch -- Unterkunft in einer nahe der mütterlichen Wohnung gelegenen Ferienwohnung -- keine Hausschuhe mitbringen, hatte meine Mutter meinem Anrufbeantworter anvertraut. Wir freuten uns also am Tag nach unserer Ankunft im Ort meines Aufwachsens über die Produkte mütterlicher Zuneigung und Fingerfertigkeit. Am Tag nach unserer Ankunft deshalb: Meine Mutter war von einer Magen Darm-Grippe überrascht worden, hatte uns vor Ansteckung gewarnt und so hatten wir uns nicht von ihr am zweigleisigen Bahnhof abholen lassen, sondern waren zwanzig Minuten den mit Schneematsch bedeckten und Kieselsteinchen gestreuten, steilen Zickzack-Fußgängerweg nach oben gestapft,und wenigstens einer, mein Rollkoffer, hatte den Stresstest bestanden. Anfang März fast noch einen halben Meter Schnee, das kommt im Vorland der schwäbischen Alb auch auf 300 Meter über dem Meer selten vor. Ideale Umgebungsbedingungen, um mit meinem Liebsten ein Nest mit immerhin knapp zwei Kilometer Abstand von der mütterlichen Zuwendung zu beziehen. Das Nest: ein von mir sorgfältig nach Preis-Leistungsverhältnis ausgesuchter, "Souterrain" genannter, eiskaltr und wandschimmeliger Keller einer tüchtigen schwäbischen Ferienwohnungsvermieterfamilie.

Am zweiten Tag der Anruf von Mutter, es gehe ihr besser, wir können zum Brunch vorbeikommen. Verschnupft und entkräftet von einer feuchtkalten Nacht im "Souterrain", die unbekannte Geräusche auf dem Gitterrost über unseren Fenstern begleitet hatten (Einbrecher? Raubvögel? Investigation um halbfünf morgens: Sackkarren, die das mittwöchliche Anzeigenblatt aus dem über uns befindlichen Depot in einen Lieferwagen transportierten), wieder durch Schnee, diesmal nur mit Mitbringseln bepackt und nur sieben Minuten Fußweg.

Ich werde nicht über die Neurosen meiner Mutter schreiben. Abkürzung folgt.
1.1.12 18:57


Längst fällig: Die Geschichte vom UFO

Das Problem mit den Geschichten ist, dass sie sich nicht mehr aufschreiben lassen, nachdem ich sie jemandem erzählt habe. Deshalb schnell, bevor sie wegerzählt ist, die Geschichte vom UFO, dem unbekannten Filzobjekt.

Das UFO wurde zum UFO, kurz bevor meine alten Kunstfreunde, bereichert mit einer neuen Kunstfreundin, im Südwesten der Republik ein rauschendes ländliches und riesig gnomhaftes Kunstfestival ausrichteten. Bis dahin war das UFO ein einfacher SMW gewesen, ein selfmade Wichtel aus der Filzphase meiner Mutter. Und nun muss ich mich entscheiden, ob dies eine bemüht ironische Geschichte über meinen Umgang mit den Neurosen meiner Mutter wird oder eine philosophische Betrachtung über die Eigenschaften von Tierhaaren und deren materiellen Transformationen. Oder eine Geschichte über die Anlässe und den Sinn, über eine solch belanglose Abfolge von Ereignissen sich Gedanken zu machen.

Mist, nur noch acht Kilometer bis Mainz, und bis zur Ankunft dort muss die Geschichte aufgeschrieben sein oder zumindest der Erzählstrang so weit aufgenommen, dass ich auf der Rückfahrt fertig werde. Dank an J., dass er bedächtig fährt.

Nun, meine Mutter erfüllte es mit einem gewissen Stolz, auf ihre alten Tage doch noch an einer typisch mütterlichen oder großmütterlichen, mindestens aber hausfraulichen Freizeitbeschäftigung Freude zu finden: der Herstellung von Filzpantoffeln. Für die Nichteingeweihten: Zuerst werden dazu übergroße sockenähnliche Wolldinger gestrickt, wobei übergroß wirklich übergroß meint, also mindestens dreimal die Schuhgröße dessen, für den die Dinger gedacht sind Anschließend werden die übergroßen Wolldinger in der Waschmaschine auf menschenübliche Schuhgröße geschrumpft.

Wir sind in Mainz. Fortsetzung folgt.
26.12.11 15:45


Aufwärmen

Gerade habe ich mich gesammelt, bin aus dem gemütlichen Bettsofa aufgestanden, habe mir Ingwertee eingegossen und mit dem festen Vorsatz zu bloggen das Netbook angemacht, in bester Bloggerinnenatmosphäre am großen Tisch neben Soso -- da hören wir I. an der Tür....
bloß blöd, dass das auch wieder keine Ausrede zum Nichtbloggen ist, denn I. setzt sich schweigend mit seinem I-phone an den Ofen und die Gelegenheit zum Bloggen könnte besser nicht sein.
17.12.11 20:42


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